Bildungswerk Anna Seghers

Wiesbaden

8. Mai 1945 : ALGERIEN

8. Mai 1945 : ALGERIEN (Langfassung des Textes aus dem Rundbrief Nr. 13)

2005 erschien ein Sammelband mit Reportagen über den zweiten Weltkrieg, herausgegeben vom Rheinischen Journalistinnenverband. Das Ungewöhnliche dieser Veröffentlichung kündigt bereits der Titel an: „Unsere Opfer zählen nicht – Die dritte Welt im 2. Weltkrieg“. Thema soll nicht ein Weiteres mal die Perspektive der europäischen Sieger oder der europäischen Besiegten sein, sondern jene der Mehrheit der Weltbevölkerung, die zu dieser Zeit, wie Sartre Anfang der 60er Jahre feststellte, sich aus „500 Millionen Menschen und einer Milliarde 500 Millionen Eingeborene(n)“ zusammensetzte. Dass es sich auch hier um eine Vielzahl von Perspektiven handelt, versteht sich von selbst. So wie die französischen Truppen bald nach der Landung in der Provence einer „Weißmachung“, sprich: der Demobilisierung der Kriegsteilnehmer aus den Kolonien (schätzungsweise 150 000), unterzogen wurden, so war auch die Geschichtsschreibung des zweiten Weltkrieges weitgehend „geweißt“ oder in die „Kolonialgeschichte“ oder „Geschichte der Dritten Welt“ abgedrängt.

Viele der „Eingeborenen“ wurden zwangsrekrutiert. Manche, wie zum Beispiel der 18-jährige Frantz Fanon1 aus der alten Kolonie Martinique, meldeten sich freiwillig – überzeugt von den Werten des französischen Republikanismus, bereit zur Verteidigung gegen den Faschismus. Eine gemeinsame Erfahrung verbindet jedoch alle: die Ignoranz, mit der sie nach dem Krieg bedacht wurden. Doch bei der Ignoranz alleine blieb es nicht: Trotz Atlantikcharta, in der die späteren Siegermächte das Recht auf Selbstbestimmung aller Völker anerkannten und durch die der Widerspruch, einerseits gegen den Faschismus zu kämpfen, andererseits Unrechtssysteme mit dualem, rassistischem Rechtssystem, Zwangsarbeit und institutionalisiertem Elend zu unterhalten, anscheinend als unvereinbar erkannt wird, findet man schnell zur kolonialen Routine der Missachtung und Unterdrückung zurück: Jenen, die angesichts der blumigen Reden während des Krieges Hoffnung schöpften, sich organisierten, ihr Recht einforderten, antwortete man in der bekannten Art und Weise: Mit Gewalt. Mit Massakern. 1947: 90.000 Tote in Madagaskar. 1952: 200.000 Tote in Kenia.

Ungeheuerlich erscheint die Nahtlosigkeit, mit welcher der Kampf gegen den Faschismus in einer nächsten Schlächterei noch am Tag des Sieges der Alliierten mündete: Am 8. Mai 1945 findet in Sétif (Algerien) eine erlaubte Demonstration, organisiert von der PPA (Parti du peuple algérien) und den Freunden des Manifests und der Freiheit (AML)2 statt, die am Denkmal für die Gefallenen enden soll: Dort will man einen Kranz niederlegen. Erinnert werden soll auch an die Opfer der algerischen Bevölkerung an der Seite der Alliierten: Tausende waren in der Nähe Roms am Monte Cassino gefallen, Tausende hatten im August 1944 an der „Operation Dragoon“ – der Landung an der Küste Südfrankreichs – teilgenommen. Bereits im 1. Weltkrieg waren 25.000 Algerier gefallen, 12.000 sollen es im 2. Weltkrieg gewesen sein.

Auf dem Weg zum Monument der Gefallenen wird neben den Fahnen der Alliierten schließlich die algerische Fahne entrollt. Transparente erinnern an die Versprechungen der Atlantikcharta. Diese politischen Äußerungen werden der Polizei zum Anlass zu intervenieren, den Fahnenträger zu attackieren. Während der Rangeleien beginnt die Polizei in die Menge zu schießen. Die Situation eskaliert. Ähnliches passiert an anderen Orten im Nordosten Algeriens. In den folgenden Tagen setzt eine Welle der Repression, getragen von Militär, Gendarmerie, Polizei und, allen voran, einer (von den Behörden) bewaffneten Miliz. Die Zahl der Opfer wird später auf 20.000 bis 45.000 geschätzt.

Von einem Massaker sprach man von offizieller französischer Seite erstmals im Jahre 2005 anlässlich einer Gedenkveranstaltung an der Universität Sétif. Der französische Botschafter nannte die damaligen Ereignisse eine „unentschuldbaren Tragödie“.
Diese kleine Sensation fiel mit einer gegenläufigen Initiative, der Verabschiedung eines Gesetzes durch eine rechte Mehrheit im französischen Parlament, zusammen: Lehrer und Wissenschaftler sollten von nun an in Unterricht und Forschung darauf verpflichtet werden, „die positive Rolle der französischen Präsenz in Übersee und besonders in Nordafrika“ anzuerkennen. Dank des Protestes der Betroffenen wurde dieses Gesetz schließlich ein Jahr später wieder zurückgenommen. Die Glorifizierung des Kolonialismus ist keineswegs passé: Dass ein bekennender Rassist wie Jean-Marie Le Pen vor einigen Jahren als Folterer in der Zeit des algerischen Befreiungskrieges (Mitte der 50er Jahre) entlarvt wurde – er verlor schließlich den Prozess, den er gegen die von der Tageszeitung Le Monde vorgebrachten Beschuldigungen initiiert hatte – mag nicht sonderlich verwundern, doch das wortreiche, stilvolle und realitätsferne Schönreden blutiger Angelegenheiten scheint auch zum Repertoire bürgerlicher Franzosen zu gehören: Staatschef Sarkozy fand erst kürzlich wieder schwärmerische Worte für den „europäischen Traum“, der den „mediterranen Traum braucht“: „(…) der Traum Bonapartes in Ägypten, von Lyautey in Marokko, Napoleon des III. in Algerien. Dieser Traum ist nicht so sehr ein Traum der Eroberung als ein Traum der Zivilisation gewesen.“
Freilich geht es, insbesondere was die Kolonisation Algeriens betrifft, weniger um einen Traum, schon gar nicht um „Zivilisation“ sondern eher um eine Realität, die einem Alptraum glich.

1830 wird Algier erobert. 1831 wird die berüchtigte „Fremdenlegion“ als Mittel zur Durchdringung und Eroberung gegründet. Die muslimische und jüdische Bevölkerung flieht aus den Städten. Algier verliert innerhalb weniger Jahre schätzungsweise 30-40.000 Einwohner.
Auf dem Land ist der Widerstand schließlich am massivsten. Abdelqader versucht einen islamischen Staat und ein Heer aufzubauen. Ein zuvor geschlossener Vertrag mit den Franzosen wird provokativ von Letzteren verletzt, der Krieg eskaliert. 39.000 Mann (5 Jahre später 100.000) werden zur Unterwerfung der Muslime geschickt. Angeführt werden sie von General Bugéaud: Er betreibt die Strategie der verbrannten Erde. Vieh wird abgeschlachtet, Ernte vernichtet, die Bevölkerung hungert und verhungert. Bugéaud brüstet sich in der Öffentlichkeit mit der Technik des Ausräucherns („l’enfumage“): die Bevölkerung eines Ortes wird in Höhlen getrieben, der Eingang versperrt und Feuer gelegt.

Ab 1846/47 setzt Landraub im großen Stil ein. Die Algerier werden in die unfruchtbarsten Gegenden zurückgedrängt. Die Einrichtung des Gemeinschaftsbesitzes von Dörfern wird verboten. Algerien wird in dieser Zeit zum Verbannungsort politisch Missliebiger und so genannter „überschüssiger Bevölkerung“. Später findet auch eine „freiwillige“ europäische Besiedlung statt. Viele Siedler kommen aus Italien, Malta und Spanien.
Die muslimische Bevölkerung ist dem „Code de l’indigénat“ (dieses Gesetz galt auch in den anderen Kolonien) unterworfen. (Dank des décret Cremieux von 1870 ist die ansässige jüdische Gemeinde bis zur Vichy-Zeit nicht davon betroffen.) Dieses Sondergesetz für „Eingeborene“ regelt Verpflichtungen zu Zwangsdiensten und legalisiert das „Prinzip der kollektiven Verantwortung“: Gehörte man zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, musste man die Handlung nicht begangen haben, um bei Delikten gegen europäische Siedler oder gegen die Kolonialmacht bestraft zu werden.
Ab 1871 beginnt eine große Revolte in der Kabylei. Erstickt wird diese durch die französischen Truppen unter Adolphe Tiers, der bereits während der semaine saglante (blutige Woche), bei der Niederschlagung der Pariser Commune das Befehlen des massenhaften Tötens geübt hatte. Die Zahl der Opfer wurde später auf mindestens 500.000 geschätzt.

Der Landraub hatte während der ganzen Kolonialzeit zur Folge, dass Hungersnöte chronisch wurden.
Noch 1834 gibt General Vallazé im Parlament zu Protokoll: „Fast alle Araber können lesen und schreiben. In jedem Dorf gibt es zwei Schulen.“ Nach einigen Jahrzehnten französischer Kolonialherrschaft ist der Analphabetismus immens gestiegen. Die Koranschulen lehren nur noch das „Auswendiglernen“ des Korans, 1890 sind nur 1,9 Prozent der muslimischen Kinder an den europäischen Schulen eingeschult. Die Siedlerbewegung plädiert für die gänzliche Abschaffung der Grundschulausbildung für Muslime.

Die Methoden der Errichtung und Aufrechterhaltung des kolonialen Siedlerstaates und das Fortbestehen des alltäglichen Rassismus in den alliierten Siegerstaaten, Zustände, die nun auch nach 1945 nicht eingestellt sondern ignoriert wurden, veranlassten Aimé Césaire3 auf die Verwandtschaft von Nazismus und den Methoden der bürgerlichen Kolonialmächte hinzuweisen. Für ihn, so Césaire, sei Hitler nicht tot, solange Zwangsarbeit in Afrika legal sei, weiterhin Juden pogromiert und „Neger gelyncht“ würden. Und weiter klagte er die „Bourgeoisie“ an, dass die Barbarei der Nazis nur „die Vollendung der Barbarei ist, die Krönung, das Resümee all der täglichen Barbarei, dass es der Nazismus ist, ja, aber dass man, bevor man sein Opfer wurde, sein Komplize gewesen ist; dass man diesem Nazismus Vorschub geleistet hat, bevor man von ihm heimgesucht wurde, dass man ihn freigesprochen, dass man beide Augen zugedrückt hat, weil er bisher nur auf nichteuropäische Völker Anwendung fand; dass man diesen Nazismus kultiviert hat, dass man dafür die Verantwortung trägt und dass er durch alle Risse und Sprünge der westlichen Zivilisation sickert, tropft und quillt (…)“

Wer hier zuerst gegen eine anscheinend gefährliche Relativierung der Einzigartigkeit des Holocausts Einspruch erheben möchte, ist aufgefordert innezuhalten und zu überlegen, wer aus welcher Position zu ihm spricht. Uns steht hier kein kleinbürgerlicher deutscher Spießer gegenüber, der zur Ablenkung mit dem Finger auf irgendwelche „Anderen“ zeigt, die auch „Schlimmes“ getan haben. Und ebenso wenig ein Mann, der die fabrikmäßige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unterschlagen will. Sondern jemand, der von der Kontinuität inhumaner Methoden spricht, eine Kontinuität die aus seiner Perspektive überaus skandalös mit dem 8. Mai 1945 und nach dem 8. Mai 1945 fortbesteht. Es geht hier nicht um eine Rangliste historischer Katastrophen, wohl aber um ihre Verwandtschaft und Genese. „Hitler“ ist kein Betriebsunfall der deutschen Geschichte und auch – im Sinne Walter Benjamins – kein „Ausnahmezustand“ der Weltgeschichte. Manchmal scheint die Rede von der „Einzigartigkeit“ des Holocausts auch als Mittel zur Reduzierung der Komplexität zu dienen: So mancher Akteur auf der politischen Bühne in Deutschland pflegt – mittlerweile – ein routiniertes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und übersieht neue Formen des Ausschlusses, des Rassismus, der Blindheit, ja produziert sie sogar mit.
Es gibt heute keine formellen Kolonien mehr. Genozide, Massaker, Folter, Lager, die Maßnahmen des Ausschlusses, des Sonderrechts, die Bombardierung von Zivilbevölkerung sind weiterhin an der Tagesordnung und der reaktionäre Diskurs arbeitet an seiner Rechtfertigung.

Wenn heute in Deutschland von „europäischer Tradition“ gesprochen, eine „europäische Identität“ beschworen wird, so wird das Thema der Kolonisation, deren Auswirkungen und untergründiges Fortwirken in den Argumentationsmustern der offiziellen Diskurse, deren un-bewusste Zuschreibungen bis zu ihren Wurzeln im kolonialen Kontext sich zurückverfolgen lassen, ausgeschlossen. Das „Kopftuch“ und die „Unterdrückung der muslimischen Frau“ waren bereits im 19. Jahrhundert Themen der sich im Namen der Zivilisation ereifernden französischen Kolonisatoren, denen es weder um das Wohl der Algerier noch um das der Algerierinnen ging. (Wohlgemerkt zu einer Zeit, als die französischen Frauen noch kein Wahlrecht hatten. Dies wurde erst 1944 eingeführt.) Das eben gehört auch zum europäischen Erbe: die kolonialen Unrechtssysteme, Massaker, Zwangsarbeit, Verhungernlassen (zum Beispiel in den Lagern der deutschen Kolonie Südwest-Afrika nach den Aufständen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1907) und Rassismus als notwendiger Überbau.
Und es sollte umso mehr in den Geschichtsunterricht europäischer Schulen gehören, angesichts der Tatsache, dass Menschen, die das Kolonialsystem erlebt haben, wie auch deren Nachfahren innerhalb der europäischen Gesellschaften leben. Es zeugt von einem sehr assimilatorischen Verständnis von Integration, wenn gefordert wird – wie im Zusammenhang mit dem Staatsbürgertest – dass die Anwärter für die deutsche Staatsbürgerschaft „Verantwortung für die deutsche Geschichte“, sprich: den Holocaust, zu übernehmen hätten, nicht aber ein Interesse an ihren Herkunftsländern, an den kollektiven Geschichten, die sich doch auch in individuellen Haltungen und auch Ressentiments über Generationen weitertragen, gefördert wird. Dabei sollte es nicht um eine Festschreibung auf offizielle, nationale Positionen gehen oder um die Mumifizierung irgendwelcher Wurzeln – eine fruchtbare Auseinandersetzung kann nur stattfinden, wenn Geschichte als gemeinsame Geschichte verhandelt wird.

Geht man auf die Webseite der hessischen Europaschulen, so gelangt man über einen Link zu einem Unterrichtsentwurf zum 8. Mai 1945. Immerhin soll es um die unterschiedlichen Perspektiven von Siegern und Besiegten gehen. Nicht existent ist hier weiterhin die Perspektive der damals Kolonisierten.
Was also war am 8. Mai 1945 im algerischen Constantinois passiert? Die französische Kolonie Algerien stand nach der französischen Niederlage 1940 unter Verwaltung der Vichy-Anhänger. Unter den europäischen Siedlern war der Organisationsgrad in den rechten Parteien überaus hoch. Das Vichy-Regime hob das décret Cremieux von 1870 auf, was für die algerischen Juden rechtlich der Abstieg auf das Niveau der Muslime (Code d’indéginat) bedeutete. Die Siedler begrüßten diese Aufhebung, waren die antisemitischen Strömungen unter ihnen doch bereits Ende des 19. Jahrhunderts überaus populär. Die Stimmung gegenüber den Kolonialherren hatte sich nach der französischen Niederlage unter der algerischen, nicht-europäischen Bevölkerung merklich verändert: Zeitgenossen berichten von einer sich verbreitenden Widerspruchsbereitschaft und zunehmender politischer Organisierung, die sich mit der Landung der Alliierten (8. November 1942) noch weiter verstärkte. Die Kolonialmacht hatte die Aura des Überlegenen und Unbesiegbaren verloren. Beeindruckt von den technischen und militärischen Mitteln der alliierten Kräfte stellte man fest, dass auf der Ebene der modernen Technik alles relativ sei – Europa, so Ferhat Abbas, sei vielleicht mächtig gegenüber Afrika, aber rückständig im Vergleich zu den USA. Dazu kam, dass bereits am 26. August 1941 die Atlantikcharta verabschiedet worden war, deren Paragraph 3 ausdrücklich besagte, dass die Unterzeichner das Recht jedes Volkes respektierten, sich die Regierung, unter welcher es leben wolle, selbst zu wählen. Die Charta wurde über die alliierten Radios verbreitet, ebenso erfolgte der Abdruck in den arabischsprachigen Zeitungen. Die Anerkennung der Charta durch die französischen Kräfte auf der Seite der alliierten Kräfte veranlasste auch bisher vorsichtige Kräfte wie die Liberalen um Ferhat Abbas, auf die baldige Unabhängigkeit Algeriens zu hoffen.

Die Kollaborationsversuche mit Nazideutschland, die zum Teil in der Phase der Vichyzeit erwogen wurden und tatsächlich stattgefunden hatten, betrafen nicht die PPA – jene, die maßgeblich die Demonstrationen des 8. Mai organisierten: Der Gründer der nationalen Bewegung, Messali Hadj, hatte stets den Kontakt zu Nazis und Faschisten untersagt. Dem nach der Devise „der Feind meines Feindes ist mein Freund“entgegen handelnde Mitglieder wurden aus der PPA ausgeschlossen.
Die PPA tritt – erstmals erkenntlich als eigener Block mit spezifischen Forderungen und nicht vermischt mit der algerischen KP und den Gewerkschaften, die noch die Forderung nach Unabhängigkeit ablehnten – am 1. Mai 1945 als gut organisierte, führende Kraft öffentlich in Erscheinung. Den von den Behörden erlaubten Demonstrationen geht die Aufforderung der PPA voraus, dass Waffen vor der Demonstration von den Teilnehmern abzugeben seien. Die Organisatoren aus den eigenen Reihen sorgen schließlich für die Durchsetzung dieser Vorgabe. Die Demonstrationen verlaufen zumeist ohne Zwischenfälle. In Algier eskaliert die Situation, als es wegen der Behinderung des Demonstrationszuges durch die Polizei zu Rangeleien kommt: Die Polizei schießt, es gibt 10 Tote und 21 Verletzte. Nachts werden in der Kasbah dann drei Europäer angegriffen, wovon einer seinen Verletzungen erliegt. In Sétif und Guélma verlaufen die Demonstrationen ruhig, weil die Verantwortlichen Zugeständnisse bis zur Auflösung der Demonstration machen.
Die Verlautbarungen der Kommunisten (inzwischen seit März 1944 am Regierungsvorläufer CFLN beteiligt) und der Gewerkschaften schieben ganz im Sinne des kolonialen Regimes die Schuld für die Zwischenfälle auf die PPA: Diese seien „hitlerische Agenten“ und im Namen der Einheit gegen den Faschismus werden die Äußerungen der PPA als getreuer Ausdruck von „Radio-Berlin“ denunziert. In den folgenden Wochen sollte zumindest die algerische KP von derartigen Bezichtigungen Abstand nehmen.
In Sétif lässt Ferhat Abbas am 8.Mai für die AML eine „Botschaft zum Siege“ bekannt geben, die nochmals den Beitrag des algerischen Volkes zum Siege der Alliierten unterstreicht.

Die angemeldete Demonstration zum 8. Mai 1945 wird erlaubt. Der Innenminister schreibt: „Ich habe keinen Beweis, dass die nationalen Chefs einen wirklichen Aufstand einzuleiten beabsichtigen. Ich habe eher das Gefühl, dass sie einen neuen Beweis ihrer Stärke liefern wollen…“ Die PPA will eine friedliche Demonstration: Ihre Militanten entwaffnen vor Beginn der Demonstration im Beisein der Polizei die Teilnehmer. Der 8000 (Polizeiangaben) bis 15.000 (El Moujahid) Personen zählende Demonstrationszug läuft um 8 Uhr 30 los. Ziel ist das Monument der Gefallenen, an dem ein Kranz niedergelegt werden soll. Auf dem Weg beginnt man die vorbereiteten Transparente („Freiheit für Messali Hadj“/ „Nieder mit dem Kolonialismus“/ „Für ein freies und unabhängiges Algerien“/ „Es lebe die Atlantikcharta“ u.ä.) zu entrollen, ebenso die algerische Fahne. Dies überschreitet die Grenze des Erträglichen für die Kolonialmacht: Ein Kommissar stürzt auf den Fahnenträger. Die Situation eskaliert und die Polizei beginnt in die Menge zu schießen. Der erste Tote ist der Fahnenträger Saal Bouzid. Die Demonstration löst sich auf und die aufgestaute Wut vor allem der ländlichen Bevölkerung, die aufgrund des Markttages zahlreich vertreten ist, beginnt sich wahllos gegen Europäer zu entladen, die mit Stöcken und Dolchen angegriffen werden. Insgesamt werden 22 getötet und 48 verletzt. Bis heute ist noch nicht völlig geklärt, welche Europäer nicht doch von rechten Gegnern liquidiert wurden, die das Chaos zur Abrechnung nutzten. Vieles spricht dafür, dass zumindest der sozialistische Bürgermeister Deluca Opfer von Vichy-Anhängern ermordet wurde. Unter den Verletzten befindet sich auch der Kommunist Albert Deniér, dem man später aufgrund der Infektion der Verletzungen beide Hände amputieren muss. Dennoch wird Albert Deniér später zu keiner Aussage über die Täter bereit sein, zum einen, weil er sich nicht im Stande sieht, angesichts des entstandenen Chaos einen individuell Schuldigen zu bezeichnen, zum anderen, weil die in den darauf folgenden Tagen stattfindende Repression durch nichts für ihn zu rechtfertigen ist.
In Sétif versuchen 3000 bis 4000 Demonstranten schließlich sich erneut zu sammeln und zum Monument vorzudringen. Sie legen dort die Kränze ab. Erneut interveniert eine Einheit der Gendarmerie, wieder wird geschossen, wieder zerstreuen sich die Demonstranten. Um 10 Uhr 45 bewegen sich Gendarmerie, Polizei und Armee durch eine leere Stadt, deren Straßen von europäischen und algerischen Leichen gesäumt werden. Am Abend wird der Ausnahmezustand erklärt. Armee, Polizei und Gendarmerie durchkämmen die Viertel der „Eingeborenen“. Am 9. Mai versammeln sich trotzdem wieder 4000 bis 5000 Muslime. Auch diese Versammlung wird durch Schüsse zerstreut. Von höchster Stelle wird verfügt, dass jeder Versuch einer erneuten Formierung unterdrückt werden soll. Es folgt eine unerbittliche Repression. Waffen werden an die Europäer verteilt und jeder Araber, der keine Armbinde trägt, ist zum Abschuss freigegeben. Einer der anwesenden amerikanischen Journalisten kommentierte: „It was open season.“ Jagdzeit eröffnet.

In Guelma spielen sich – die Demonstration dort beginnt erst am Abend – ähnliche Szenen ab. Auch hier will man zur Kranzniederlegung zum Gefallenendenkmal. Man trägt Transparente auf französisch, englisch, arabisch mit den gleichen Inhalten wie in Sétif. Zwischen den Fahnen der Alliierten weht auch eine algerische, die wiederum zum Einschreiten der Polizeikräfte führt. An den Unter-Präfekten Achiary richtet man angesichts der Fahne die provokative Frage: „Nun, Monsieur, existiert Frankreich?“ „Aber sicher!“ antwortet Achiary und schießt in die Luft. Die ihn umgebenden Gendarmen und Polizisten schießen in die Menge, es gibt sofort Tote und Verletzte, Panik bricht aus. Auch hier wird um 21 Uhr die Sperrstunde verhängt, werden die Stadtteile durchkämmt. Es kommt zu Erschießungen und zahlreichen Verhaftungen, teilweise von Menschen, die nicht einmal Teilnehmer der Demonstration gewesen waren.

Die Verhafteten wurden meistens erschossen. Die Verletzten wagte man nicht in die Krankenhäuser zu bringen, da sie dort den Tod zu befürchten hatten. Achiary, bereits geehrt mit dem Orden der Résistance, organisierte eine europäische Miliz, zu denen er anfangs vor allem Gewerkschaftsmitglieder und Gaullisten heranzog. Ihre Funktion wurde jedoch „rassisch“ bestimmt: Die Weißen sollten gegen die Araber verteidigt werden. In Guélma wurden schätzungsweise insgesamt 2500 Menschen verhaftet und einem „Rat der Miliz“ vorgeführt, der auch als „Ausschuss zur Rettung des Staates“ bekannt wurde. Vertreter von Polizei, Gendarmerie und Miliz verfügten standrechtliche Erschießungen von Gefangenen. Achiary ermutigte die europäischen Kolonisten, sich zu rächen („Monsieur les colons, vengez-vous!“) und Massaker zu veranstalten. Zum Teil vergeudete man nicht einmal Munition: Die Spieler eines Fußballclubs wurden alle mit Benzin überschüttet und angezündet, weil ein Vorstandsmitglied verdächtigt wurde, die PPA zu unterstützen. Noch ein Jahr später war es Inspektoren nicht möglich, bei der Polizei, in den Gefängnissen oder bei der Gendarmerie die Spuren der Inhaftierten zu verfolgen.
Die Untaten der Siedlermiliz werden den Mächtigen in Algier und Paris nach einiger Zeit unangenehm, nicht zuletzt wegen der Kritik der USA. Es wird die Kommission Tubert eingesetzt. Tubert, General der Resistance und Mitglied der Menschenrechtsliga, unternimmt eine weitgehend erfolglose Reise von Paris nach Algerien. Vom 19. bis zum 25. Mai bleibt er in Algier, am 26. Mai reist er nach Sétif, um am 27. Mai vom Generalgouverneur den Befehl zur Rückkehr zu erhalten. Tubert erklärt später: „Die bewaffneten Gruppen der Kolonisten nahmen sich das Recht heraus zu urteilen und zu füsilieren und uns bleibt das Bedauern und die Verpflichtung zu erklären, dass wir die Fakten nicht sanktionieren konnten, die Regierung dieser Zeit hat seinen Bürgern Gerechtigkeit und Wahrheit verweigert.“

Die Einsetzung der Kommission Tubert hatte dazu geführt, dass man die verscharrten Leichen eilig wieder ausgrub, um sie in die nahe gelegenen Kalköfen von Héliopolis zu transportieren und zu verbrennen. Der in der Nähe der Öfen wohnende Benhamla Saci erinnerte sich noch Jahre später an den blauen Rauch der Leichen, den unerträglichen Gestank verbrannten Fleisches und das kontinuierliche Kommen und Gehen der Lastwagen. Ein Kriegsversehrter des Zweiten Weltkrieges, vorzeitig demobilisiert und als Gefangener der Erschießung entkommen, berichtete in einer sehr viel später stattfindenden Untersuchung, wie von den hastig vergrabenen Leichen in der höllischen Hitze ein Verwesungsgestank ausging, der Miliz und Militär schließlich veranlasste, die Leichen nach Heliopolis zu bringen. Ihre Asche sei von dort wieder abgeholt und in der Natur verstreut worden. Die Verbrennungen dauerten eine Woche an.

Die Ereignisse am Morgen des 8. Mai in Sétif hatten sich rasch verbreitet – es breitete sich eine Welle der Rebellion in ländlichen Regionen aus, die nun mit Hacken, Knüppeln und alten Flinten die Europäer angreifen. Auch in und um die Stadt Kherrata werden in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai Barrikaden errichtet, dringt die ländliche Bevölkerung ein. Es kommt zu Lynchmorden. Der größte Teil der Europäer hatte sich zuvor, ausgestattet mit Waffen, in ein nahe gelegenes „Chateau“ zurückgezogen.

Gegen die Bewohner der Region setzt man schließlich Fremdenlegion, Luftwaffe und die Kriegsmarine ein. Letztere bombardiert von der Küste aus. Insgesamt nehmen 10.000 Armeesoldaten an der Operation teil. Auch deutsche und italienische Kriegsgefangene werden freigelassen, um sich an der Repression zu beteiligen. Ab dem 13. Mai ist die Region wieder unter Kontrolle, die repressiven Maßnahmen dauern jedoch an. Die Leichen werden in Brunnen geworfen oder in die Schlucht von Kherrata. Ein ernsthafterer Widerstand begegnete der Truppe nur in Périgotville (Ain-el-Kabira), wo es 1000 Demonstranten gelang, sich Waffen aus öffentlichen Beständen anzueignen. Nach Niederschlagung der Revolte erschoss man dort sämtliche Muslime, die Lesen und Schreiben konnten.

Am 22. Mai organisiert die französische Armee die kollektive Kapitulation, eine Inszenierung der Erniedrigung und Beleidigung: Unweit von Kherrata, an der Felsenküste zwischen Bougie und Djidjeli lässt man 15.000 Personen vor der französischen Fahne niederknien und zwingt die Menge „Vive la France“ und „Wir sind Hunde und Ferhat Abbas ist ein Hund“ zu rufen. Während der „Zermonie“ präsentiert die Kolonialmacht ihre militärische Macht: Legionäre, Kanonen, Kriegsschiffe an der Küste und zwölf Jagdflieger, die das Gelände im Tiefflug überqueren. Der anwesende General hält eine Rede: Die Bevölkerung solle sich die Kanonen, Flugzeuge, Kriegsschiffe und Truppen genau ansehen. Frankreich sei eine alte und große Nation und könne nicht von irgendeiner anderen Nation geschlagen werden. Und mit Häme stellt er fest: „…und ihr, getäuscht von einigen Agitatoren und Lügnern, ihr wollt Frankreich aus Algerien verjagen, mit euren Jagdgewehren, Äxten, Dolchen, Sicheln! Zum Glück – für euch – hat sich General de Gaulle, sehr gut, sehr großzügig, der sich Seite an Seite mit vielen Algeriern geschlagen hat, mit einer Amnestie all jener, die nicht an dieser „Revolution“ teilgenommen haben, einverstanden erklärt. Was die Verantwortlichen betrifft, die Agitatoren und Lügner, werden sie bestraft.“ Tatsächlich werden im Anschluss 400 der Gefangenen, die kapituliert hatten, erschossen.

Über die Anzahl der Toten wurde immer wieder gestritten: US-amerikanische Quellen sprachen recht bald von 35.000 bis 45.000 Toten, auf französischer Seite einigte man sich zunächst auf 1165 tote „Eingeborene“. Tubert, dessen Bericht erst einmal in den Akten verschwand, sprach bereits von schätzungsweise 20.000 Toten. Der algerische jüdische Arzt, Mitglied der Résistance, Henri Albouker, schätzte die Anzahl der Todesopfer auf 30.000.
Der später Schlächter von Constantine genannte General Raymond Duval ließ nach diesen mehrwöchigen Repressionsmaßnahmen den Politikern ausrichten, dass er ihnen für 10 Jahre Ruhe verschafft habe, aber wenn Frankreich nichts unternehme, dann werde dasselbe in schlimmerer Form und auf wahrscheinlich unabwendbare Weise wieder beginnen… Damit behielt er schließlich recht: Der Aufstand von 1955 im Constantinois gilt als Wendepunkt des algerischen Befreiungskrieges, der schließlich 1962 zur Unabhängigkeit Algeriens führte.