Bildungswerk Anna Seghers

Wiesbaden

Anna Seghers

Notizen zu Anna Seghers

Anna Seghers AS wurde 1900 in Mainz mit Namen Netty Reiling als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Das Milieu, in dem sie aufwuchs, kann man als “wohlhabendes deutsches Bildungsbürgertum” bezeichnen. Ihr Vater war Kunst- und Antiquitätenhändler. Sie studierte 1920 – 24 in Heidelberg Kunstgeschichte und Sinologie. Während ihres Studiums nahm sie an marxistischen Diskussionszirkeln teil, wo sie ihren späteren Mann Lazlo Radvanyi, einen ungarischen Revolutionär, der nach Deutschland geflüchtet war, kennenlernte, der ab 1926 in Berlin Direktor der Marxistischen Abendschule war.

1927 wurde ihre 2. Erzählung “Grubetsch”, eine genaue und eindringliche Schilderung des Berliner Mietskasernenmilieus, veröffentlicht. 1928 erschienen die Novelle “Der Aufstand der Fischer von St.Barbara”, für den sie den Kleistpreis erhielt, die Erzählungen “Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft” und “Die Bauern von Hruschowo” folgen.

In diesen ersten schriftstellerischen Arbeiten der AS drückt sich ihr Interesse an den Lebensbedingungen der “kleinen Leuten” und ihre Sympathie mit den unterdrückten Gesellschaftsschichten aus. Es sind Schilderungen des sozialen Elends und der Armut, ihre Zustimmung gehört der Gegenwehr, dem spontanen Aufstand der Ausgebeuteten.

1928 schließt sich AS der Arbeiterbewegung an. Sie tritt in die KPD ein, 1929 in den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Die darin versammelten Schriftsteller wollen ihre Kunst (Zitat aus dem Programm) als “Waffe der Agitation und Propaganda im Klassenkampf” verstanden wissen.

Insgesamt hat AS neun Romane und über 60 Erzählungen geschrieben: 1932 erscheint der erste Roman: “Die Gefährten”. Er handelt von den Kämpfen und Leiden kommunistischer Revolutionäre in verschiedenen Ländern in der Zeit 1919 bis 1930. AS mißt darin der kommunistischen Partei die zentrale historische Bedeutung im Befreiungskampf des Proletariats bei.

1933 muss AS mit Mann und Kindern aus Nazi-Deutschland fliehen. Ihre Flucht führt nach Frankreich, wo sie bis zum Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1940 in Paris lebt. Dort schreibt sie vier Romane:

1933: “Der Kopflohn”, in einem deutschen Dorf stellt sie einem SA-Mann einen antifaschistischen Arbeiter gegenüber;

1935: “Der Weg durch den Februar” behandelt den Aufstand der Wiener gegen die Dollfuß-Regierung

1935: “Der Weg durch den Februar” behandelt den Aufstand der Wiener gegen die Dollfuß-Regierung

1939: “Das siebte Kreuz”. Dieser Roman hat AS weltberühmt gemacht, er wurde in den USA verfilmt: darin wird die Flucht von sieben Gefangenen aus dem KZ Osthofen in der Nähe von Mainz geschildert. Sechs der Flüchtlinge sterben, der siebte, Georg Heisler, überlebt durch die Solidarität vieler Menschen;

1941 muß AS mit ihrer Familie aus Frankreich fliehen. Im mexikanischen Exil führt sie gemeinsam mit anderen deutschen Exilkommunisten den Kampf gegen den Faschismus weiter. AS trägt in Mexiko wesentlich zur Propagierung einer erweiterten Volksfront-Idee bei und betreibt die Schaffung von Foren für deutschsprachige Kultur und Literatur. Sie gründen die Zeitschrift “Das Freie Deutschland”(nach dem Krieg: Neues Deutschland), den Buchverlag “Das freie Buch” und den “Heinrich-Heine-Club”, der Autorenlesungen, Vorträge und Theateraufführungen veranstalten.

1943 ist AS persönlich ein leidvolles Jahr: die Nachricht über die Ermordung ihrer Mutter im KZ erreicht sie – und sie erleidet einen schweren Verkehrsunfall.

1944 erscheint “Transit”, ein Roman mit autobiographischen Elementen, der die schwierige Lage des Lebens im Exil aufgreift.

In den Romanen und Erzählungen, die in der Exilzeit entstanden sind, geht AS immer wieder der Frage nach, wie es zum Faschismus in Deutschland kommen konnte. In Artikeln der Exilzeitung wird nach der Schuld des deutschen Volkes gefragt, die Entnazifizierung und die politische und kulturelle Neugestaltung eines zukünftigen Deutschlands werden thematisiert. AS lehnt dieThese von der Kollektivschuld ab, stellt jedoch ohne Beschönigung fest : Ein Volk, das sich auf die andren Völker wirft, um sie auszurotten, ist das noch unser Volk? [...] Ein Volk, das schweigend Pogromen zusieht, Mord, Branddstiftungen, den raffinierten Quälereien Schwacher und Unschuldiger?”

Sie glaubt an die Möglichkeit der Veränderung der Gesellschaft und des einzelnen Menschen, obwohl sie diesen Prozess, die Entfaschisierung, als sehr schwierig voraussieht. Sie wählt bewußt den Begriff der “Umwandlung” für die vom Faschismus beschädigten Deutschen, “Umerziehung” erscheint ihr zuwenig: “Wo und was soll man umerziehen nach der Dressur unter Hitler, wenn die Brüder und Väter mit nationalen Begründungen zum Abschlachten von Juden und zum Massenmord von Gefangenen abgerichtet wurden?” Umwandlung setzt für AS eine tiefgreifende Berührung des Menschen voraus, der Kunst schreibt sie in diesem Zusammenhang eine bedeutungsvolle Rolle zu.

1949 erscheint der Roman “Die Toten bleiben jung” , eine Chronik der Zeit 1918 – 1945, der die Entwicklung der Weimarer Republik bis zum Ende des Faschismus aufgreift.

1947 kehrt AS nach Deutschland zurück. Auf die Frage, warum sie sich für die DDR entschied, sagt sie: Weil ich hier die Resonanz haben kann, die sich ein Schriftsteller wünscht. Weil hier ein enger Zusammenhang besteht zwischen dem geschriebenen Wort und dem Leben. Weil ich hier ausdrücken kann, wozu ich gelebt habe.”

Sie ist von 1952 bis 1978 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR und engagiert sich in der Weltfriedensbewegung. In der DDR erscheinen die Romane “Die Entscheidung” 1959 , in dem es um den Aufbau der DDR geht und “Das Vertrauen” 1968 (handelt von den Ereignisse des 17.Juni 1953). Zu ihrem Spätwerk gehören unter anderen auch einige ihrer besten Erzählungen: Die “karibischen” Geschichten Anfang der 50er Jahre bis zu dem Erzählband “Drei Frauen aus Haiti”1980.

1983 stirbt AS.

AS war ein politischer Mensch, sie war Schriftstellerin und Kommunistin. Ihr Bekenntnis zur Oktoberrevolution und ihre lebenslange Bindung an die Partei sind bekannt. Die Motive ihrer Erzählungen, die Themen, die bearbeiteten Konflikte, das Menschenbild in ihren Werken deuten sich auf dem Hintergrund ihrer politischen Haltung, die Wirkung ihrer Werkes im Sinne einer politischen und humanistischen Förderung des Antifaschismus kommt in der Verbindung von Person und Werk zum Tragen.

Im Adenauer-Deutschland wurde AS totgeschwiegen. Nach peinlichen Diskussionen wurde ihr noch kurz vor ihrem Tod 1980 die Ehrenbügerschaft der Stadt Mainz verliehen.

Nach 1989 fanden Person und Werk zunehmend Aufmerksamkeit: ihr schriftstellerisches Werk wurde in ein “hervorragendes Frühwerk” und ein “künstlerisch minderwertiges Spätwerk” eingeteilt, ihre Person aufgrund ihrer politischen Biographie verunglimpft.

Seit Mitte der 90er Jahre wich die Verunglimpfung der Vereinnahmung als “große deutsche Dichterin mit ihren Irrtümern, aber mit Sinn für alles Menschliche”. Ausgesprochen deutlich drückt sich der Versuch, AS in den Mainstream des herrschenden Literaturbetriebes einzuordnen, in einem 1997 erschienen Beitrag von Sonja Hilzinger aus: “Anna Seghers und die beiden deutschen Diktaturen” . AS soll unter der Doktrin der Totalitarismustheorie ihren Platz in der deutschen Literatur bekommen.

Im Gegensatz hierzu und abschließend der Literaturwissenschaftler Hans Mayer: “Wer über Anna Seghers urteilen möchte, muss sie als Ganzheit nehmen oder als Ganzheit verwerfen. Sie hat sich niemals geändert.”